Band 3 – ?

Band 3 sowie alle seine Brüder und Schwestern sind bereits geschrieben. Geduldig liegt er hier und harrt seiner finalen Überarbeitung. Danach geht er an die Testleser. Zur Zeit vermutetes Veröffentlichungsdatum wird wohl Frühling 2019 sein. Für alle, die nicht warten können, folgen hier die ersten LESEPROBEN:

Aus den Niederschriften von L’Oash dem Jüngeren, im Jahr 8201 des ersten Zyklus (fragmentarisch erhalten):

 „Dies sind die Zeugnisse von L’Oash dem Jüngeren, der Die Welt Jenseits Der Wälder gesehen hat. Mein Tod ist gewiss und wird bald kommen – doch mein Wissen soll bewahrt und den Generationen nach mir überliefert werden, auf dass sie klüger damit umgehen als ich es tat.

 …(Textstellen unleserlich) …

Höre nun, Wagemutiger, und erfahre das Geheimnis, welches den letzten verschlossenen Weg, den Pfad durch die Westlichen Wälder, öffnet. Drei Regeln sollst du kennen, die dem Wanderer zur Hilfe dienen. Verletzt er sie, so ist er für immer verloren. Befolgt er sie, ist sein Schicksal mehr als ungewiss. Empfange mein Wissen, der du dies liest, und entscheide selbst, was du damit beginnest:

Erstens: Verlasse niemals den Pfad.

Zweitens: Höre nicht auf die Stimmen.

Drittens: Zu keiner Zeit – unter keinen Umständen – dreh dich um.“

Sri Iliant, an der Küste des Verlorenen Meeres, Frühherbst im Jahr 1098 des zweiten Zyklus

Als der Mann Lyd damals gefragt hatte, ob er schnell reich werden wollte, hatte er ohne zu zögern ja gesagt. Er hatte die Lüge nicht gerochen, als er ihn mit in ein Gasthaus genommen und ihm Wein gegeben hatte, auch nicht, als die Welt vor seinen Augen verschwommen war und er alles wie durch einen dicken Nebel hindurch gesehen hatte. Er erinnerte sich vage, ein Gefühl von Stolz verspürt zu haben – sein erster Rausch, und das mit noch nicht einmal zwölf Jahren! Dann setzte seine Erinnerung aus, und das nächste, was er wusste, war, dass er hier in diesem dunklen Raum angekettet gewesen war, nackt und auf einem Steintisch liegend, auf dem er sich den Rücken wund rieb. Wie er hierhergekommen war, wusste er nicht, genauso wenig, wo der Mann abgeblieben war. Stattdessen waren andere Männer gekommen, schwarzgekleidete Männer, die sich über ihn lustig machten und ihn mit stinkender Farbe beschmierten, bis er zu weinen anfing und nach seiner Mutter schrie. Er fragte die Männer, was er getan hatte, warum sie ihn hier festhielten, aber keiner antwortete ihm. Stattdessen hatte einer der Männer mit dem Arm ausgeholt, als wollte er ihn auspeitschen, und obwohl Lyd beschwören konnte, dass er nichts in der Hand gehalten hatte, hatte er den Schlag gespürt wie einen Riemen aus weißglühendem Eisen. Er hatte vor Schmerzen geschrien und war sicher gewesen, dass es ihm die ganze Brust aufgerissen hatte; dann hatte er einen Blick nach unten geworfen und seine Haut so unversehrt vorgefunden wie immer. Daraufhin hatte er aufgehört, die Männer anzusprechen, und nur noch ängstlich dabei zugesehen, wie sie andere, kleinere Tische um ihn herum aufstellten, seltsame Symbole auf den Boden malten und dabei gemurmelte Gesänge von sich gaben, von denen sich ihm die Zehennägel aufrollten.

Dann waren die Männer verschwunden und hatten ihn allein gelassen, stundenlang, vielleicht tagelang, bis er irgendwann vor Erschöpfung eingeschlafen war.

Als er aufwachte, war wieder ein Mann bei ihm, allerdings einer, den er noch nie zuvor gesehen hatte; er hatte ein glattes, pummeliges Gesicht mit bösen Augen, dazu war er klein, nicht viel grösser als Lyd, und eher schmächtig. Sein Alter hätte Lyd auf irgendwo zwischen dreißig und vierzig Jahre geschätzt, genau konnte er es nicht sagen. Der Mann trug dieselbe schwarze Robe wie die anderen, die zuvor gekommen waren und ihn gefoltert hatten, und obwohl er Lyd anlächelte, als er ihn ansah, erstarrten seine Eingeweide bei dem Anblick, und er wagte nicht, auch nur einen Mucks von sich zu geben.

Der Mann kam auf den Altar zu und begann ihn zu umkreisen wie ein Geier einen Kadaver. Dabei lächelte er unentwegt und summte leise vor sich hin, als würde er an einem Frühlingstag über eine Wiese spazieren. Lyd kamen Gedanken an seine Mutter und seinen Vater, die mit ihm oft solche Spaziergänge gemacht hatten, bevor er älter geworden war und begonnen hatte, ihnen Schwierigkeiten zu machen. Er dachte an all den Unsinn, den er angestellt, das Geld, das er aus der Milchlade genommen hatte, an die unzähligen Male, die er versprochen hatte, sich zu bessern. ‚Ich will mich ganz bestimmt bessern‘, dachte er verzweifelt, während er spürte, wie sich heiße Tränen in seinen Augenwinkeln sammelten, ‚ich werde nie wieder etwas stehlen oder Widerworte geben!‘

Der Mann schien seine Gefühle zu spüren, denn plötzlich blieb er stehen und sah auf Lyd hinunter. Sein rechtes Auge war braun, das linke hingegen von einem tiefen, dunklen Blau, wie einer dieser sagenhaften Edelsteine, von denen Lyd nur gehört hatte.

„Weißt du, warum du hergebracht wurdest?“, fragte er mit einer Stimme, die Lyd eine Gänsehaut verursachte; hoch und irgendwie ölig, fast wie die einer Frau. Einer unglaublich bösen, verruchten Frau.

Lyd schüttelte den Kopf, und der Mann lächelte; seine Zähne sahen aus wie die von den Mäusen, die Lyd in der Scheune seines Zuhauses immer gefangen hatte. „Du wurdest hierhergebracht, damit du einem der Wunder unseres Zeitalters beiwohnen kannst“, erklärte er. „Du wirst Zeuge von etwas Großem, Unglaublichem, von dem nur wenige Sterbliche je zu träumen wagten. Du wirst etwas erleben, für das viele Menschen gerne bereit wären, ihr Leben zu geben.“ Er kam auf Lyd zu und wischte ihm die Tränen von den Wangen, ganz sanft und behutsam.

„Aber ich möchte nach Hause“, wimmerte Lyd leise, und als Antwort schlug der Mann ihm die Faust ins Gesicht.

Als er wieder zu sich kam, war der Mann immer noch da, die Kapuze zurückgeschlagen, sodass Lyd sein kurzes mausbraunes Haar sehen konnte. Er stand mitten im Raum, die Arme zu beiden Seiten ausgestreckt, und schien in die Stille zu lauschen. Vielleicht betete er auch. Lyds links Wange pochte und pulsierte bösartig, wo der Faustschlag ihn getroffen hatte, und er fragte sich ängstlich, wofür jemand, der so brutal zuschlug, beten mochte.

Ein Klopfen ertönte, und irgendwo außerhalb von Lyds Gesichtsfeld rasselte die Kette einer Tür. Dann hörte er Schritte und ein zweiter Mann kam in Sicht, grösser und hagerer als der andere, dafür mit verzerrten, wächsernen Gesichtszügen und hohlen Wangen, die ihn aussehen ließen wie eine wandelnde Leiche. Er ging auf den ersten Mann zu und ging vor ihm in die Knie. „Mein Oberster“, raunte der Große und küsste dem anderen die Hand.

„Narvek“, erwiderte der Erste. „So hast auch du deinen Weg nach Hause gefunden.“

Der Kniende neigte den Kopf. „So ist es, mein Oberster. Und es erfüllt mich mit einer Freude, die ich nicht ausdrücken kann. Ganz besonders zu einer solch einmaligen Gelegenheit.“

„Du sprichst wahr, mein Bruder“, nickte der Mann, den Narvek Oberster nannte, und wandte sich ab. Narvek kam auf die Füsse und folgte dem anderen in die Tiefe des Raums hinein, wobei er Lyd so wenig beachtete, als wäre er ein Möbelstück.

„Lange mussten wir ausharren“, wisperte der Obere, Lyd den Rücken zugewandt. „Doch jetzt, endlich, werden wir wieder Seine Nähe spüren. Wir haben Großes von dieser Nacht zu erwarten.“

„Mein Oberster“, murmelte der Mann namens Narvek, einen fiebrigen Unterton in der Stimme, „der Himmel verdunkelt sich bereits, die Energien sammeln sich.“

Der Obere nickte langsam. „Die Zeit rückt näher. Ruf die anderen zusammen, auf dass sie bereit sind, wenn es soweit ist.“

Narvek zögerte einen Augenblick, dann trat er einen Schritt näher an den anderen Mann heran. „Es wird ein … kräftezehrendes Ritual werden … große Anstrengungen warten auf uns …“

„Willst du dich zurückziehen und ausruhen, bevor wir beginnen?“ Die Stimme des Obersten trug einen Hauch von Spott in sich, der vermuten ließ, dass er genau wusste, dass Narveks Frage auf etwas anderes abzielte.

„Nein, Oberster, das nicht. Es ist … ich wollte dich fragen, ob du … mir ein wenig von der heiligsten Substanz zugestehen könntest. Nur einen Tropfen, das ist alles. Um das Ritual mit der gebührenden Stärke zu vollziehen.“

Einen langen Moment war es still in dem Raum, so still, dass Lyd seinen eigenen Herzschlag hören konnte. Dann sagte der Oberste: „Nur kurze Zeit ist vergangen, seitdem unser Gott dich zuletzt nährte. Zu kurz, um die letzte Gabe aufgebraucht zu haben.“

„Mein Oberster“, krächzte Narvek, „die Kämpfe, die wir auszufechten hatten, haben mich geschwächt. Ich habe Zauber gewirkt, um Konvente zu finden, Bannsprüche für die Feuer, habe Tiere unter meinen Willen gezwungen …“

„Und dennoch hätte deine Kraft ausreichen sollen“, erwiderte der Oberste leise. „Und in der Tat mehr als das. Du wirst gierig, so scheint es mir.“

Narveks Augen weiteten sich erschrocken. „Bitte, Auserwählter, missversteh mich nicht! Ich trachte nicht danach, meine Macht zu mehren, um mich mit dir zu messen! Wir alle wissen, dass du unersetzlich, unwiederbringlich …“

„Ganz gleich, aus welchen Motiven du darum bittest, ich werde dir nichts gewähren“, unterbrach ihn der Oberste mit schneidender Stimme und drehte den Kopf von ihm weg. „Ich habe keine Veranlassung, die Heiligkeit dieser Nacht mit solch unwürdigen Bitten zu besudeln. Wenn Er seine Gegenwart zeigt, sollte dir das Lohn und Stärkung genug sein, ohne wie ein hechelnder Köter um mehr zu betteln.“

Während der Oberste sprach, verzerrten sich Narveks Züge, als würden die Worte ihm körperlich wehtun. Er sagte jedoch kein Wort, sondern senkte demütig den Blick, als der Oberste sich wieder nach ihm umdrehte. „Geh jetzt und hol die übrigen. Ich spüre, der Zeitpunkt ist nah.“

Narvek verbeugte sich, vielleicht etwas unwilliger und steifer als zuvor, aber dennoch ging er ohne ein Wort davon und entfernte sich aus Lyds Sichtfeld. Einige Herzschläge lang stand der Oberste nur da und starrte scheinbar ins Leere, dann drehte er sich um und fixierte Lyd, der sich in all den langen Stunden, in denen er angekettet war, selbst bepinkelt hatte, ohne es verhindern zu können.

Er sagte: „Ein heiliger Moment, in der Tat. Frohlocke, sterbliches Kind, denn du wirst bezeugen, welche Mächte am Rande der diesseitigen Welt bestehen. Du wirst Zeuge sein, wenn der Mond sich verhüllt.“